Schreiben über Geflüchtete

Tempelhofer Feld Berlin. Bildrechte: Jana_Ge/Flickr (CC by 2.0)

Du nimmst an einem Workshop teil, in dem es darum geht, über Migration und Flucht zu schreiben. Denn wenn es um diese Themen geht, versagt deine Stimme. Der Wunsch, nicht für andere zu sprechen, der Zweifel, was du zu einem Thema beitragen kannst, von dem du nicht betroffen bist, kommt auf. Was ist deine Perspektive?

Was bedeutet es, wenn du beispielsweise für eine NGO arbeitest und die Leute, denen du „helfen“ willst, ausschließlich in einem Kontext kennen lernst, in dem sie potenziell von dir abhängig sind? Was bedeutet dieses Machtgefälle?

Ein mediales Bild zu schaffen, in dem Leute über einen Kamm geschert werden, weil sie ein Merkmal teilen – innerhalb deutscher Grenzen illegalisiert werden – hat reale Konsequenzen mit rassistischen Wurzeln. Wir müssen nicht lange überlegen, um Beispiele für solche Berichterstattung zu finden; nicht nur in der BILD.

Man braucht nur „Köln“ zu sagen und schon hat man Artikel vor Augen, in denen debattiert wird, Geflüchtete abzuschieben, weil ihre Kultur nicht innerhalb deutsche Grenzen passe. Andere, die gegen solche Forderungen anschreiben, erklären, warum „Flüchtlinge gut für die deutsche Wirtschaft“ seien.

Willst du es überhaupt versuchen, einen Artikel zu verfassen, der eben nicht einer großen Gruppe von Menschen wahllos Eigenschaften zuschreibt? Ist es möglich, Machtverhältnisse nicht zu reproduzieren und wenn ja, wie?

Wer als Geflüchtete_r in Deutschland lebt, hat weniger Zugang zu medizinischer Versorgung.

Du triffst eine Gruppe von Aktivist_innen. Innerhalb des Kapitalismus und einer weltweiten Oligarchie sei solcher Journalismus tatsächlich schwierig, denn Zeitungen seien konzernzugehörig. Von „wahrer“ Berichterstattung könne kein_e Journalist_in leben.

Du erfährst von ihnen: wer als Geflüchtete_r in Deutschland lebt, hat weniger Zugang zu medizinischer Versorgung, beispielsweise zu Therapeut_innen. Als wäre es für einige Menschen weniger wichtig, die gleichen Rechte, den gleichen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung zu haben.

Über die Unterbringung in Heimen ist ebenfalls viel gesagt und geschrieben worden. Kannst du noch etwas Neues beitragen? Darüber, dass Strukturen fehlen?

Dass es nicht geht, mit so vielen Leuten auf engem Raum und ohne gemeinsame Sprache oder jegliche Privatsphäre zu leben, auf Dauer, sollte inzwischen klar sein. Das Ganze hat Folgen; Isolation, Hoffnungs- und Sinnlosigkeit. Tag ein, Tag aus im Kreis laufen. Ein „psychologisches Gefängnis“ nennt es einer der geflüchteten Aktivisten, der sich gegen diese Einsamkeit und für die Kenntnis der eigenen Rechte einsetzt. Mit einem Netzwerk aus 200 Leuten mit und ohne Fluchterfahrungen.

Eine Frage der Un_Gerechtigkeit?

Was ist die Motivation derjenigen, die sich dort engagieren? Dir wird bestätigt, dass es in großen Teilen die „Social Justice“-Szene ist. Diejenigen, die sich auch gegen Kapitalismus, Klimawandel, Queerfeindlichkeit, Sexismus, Faschismus und Rassismus einsetzen. Denn letztlich hängt alles zusammen.

Es gibt also Gründe, sich mit den Menschenrechtsverletzungen zu beschäftigen, die in dem Land auftreten, in dem du so viele Rechte, so viel Schutz und so viele Privilegien hast, für die du nichts tun musst. Wo diese Rechte, dieser Schutz und diese Privilegien anderen verwehrt werden, wegen Umständen, die sie nicht beeinflussen können und die sie sich nicht ausgesucht haben. Ist es demnach eine Frage der Un_Gerechtigkeit?

Wer ist dein Publikum, wenn du schreibst? Für wen schreibst du? Wer kann sich wiedererkennen und wer nicht? Wie ist das, wenn jemand mit Fluchterfahrung deinen Artikel liest?

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